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Mein Beruf

Und alles, was ihn lebendig umgibt:

bezaubernde Landschaften, prägende Städte -
Reisen in ferne Länder -
großartige Auftrittsräume (Dome, Klöster, Schlösser, Konzerthallen), die herausragendsten, die schönsten eines jeden Ortes! -
interessante und anregende Begegnungen mit Menschen (Musikern, Publikum und Gastgebern) -
 
eine zumeist wohlwollende Presse -
ansprechende, grafisch raffinierte Plakate und Programme für die Reminiszenz, jedes dieser "Souvenire" erschließt in der Erinnerung einen ganzen Tag voller Erlebnisse-
romantische Quartiere -
lange bereichernde Fahrten per Auto, Bahn, Schiff und Flugzeug -
das spannende Zusammenspiel mit Solisten, Sängern, Artisten, Tänzerinnen, Ensembles, Chören und Orchestern, Bekanntschaft mit Künstlern, Instrumentenbauern, Redakteuren, Kritikern, Tonmeistern und dem wachen Auditorium -
entspannende Augenblicke beim Frühstück am Morgen nach dem Konzert -
ausgleichende Wanderungen zwischen Konzertorten in Wäldern, auf Bergen -
Aussichtstürme, auch Kirchtürme erklimmen, Ausblicke sind unverzichtbar -
herzlichen (im Süden überschwenglichen) Beifall empfangen -
die faszinierenden Metropolen der Erde lernt man am besten kennen, indem man unversehens den Rückflug verpaßt -
Autogramme geben, Händeschütteln, CD’s signieren -
das Leben begreifen im Wortsinn, in der Kunstausübung intensiv erfassbar -
wieder Pläne schmieden -
Liebäugeln mit Skandinavien -
das wohlige Grummeln der Ostseefähre im Starthafen ist bereits Musik, musikalische Erwartung -
neue ehrbare Einladungen, nein ehrlich, da hab’ ich noch nie gespielt -
auch scheitern müssen -
einst felsenfeste musikalische Überzeugungen nach und nach über Bord werfen -
Musizieren, übenderweise und während hoher Auftrittskonzentration heißt: sich wohlfühlen, gesunden -
Gedanken schweifen lassen beim Improvisieren -
einsame, lange Spaziergänge mag ich am liebsten -
unnachahmliche Situationen, die das Material zu den spaßigsten Anekdoten liefern -
Mißgunst entäuschend erleben -
erschöpft und ratlos sein -
Traurigkeit aus heiterem Himmel, brauche ich -
Erinnerungen austauschen (St. Pauls Cathedral London, der Auftritt richtet sich doch tatsächlich nach dem Sekundenzeiger - very british) -
erhabenes Glockengeläut: in Feierlichkeit versetzt werden -
vom Orgelspieltisch auf das Meer schauen -
zu staunen -
kurios: Eine 32' Zinnpfeife (reichlich 10m hoch) in der Empfangshalle des Airports Sydney täuscht imponierend über das bestürzende musikalische Desinteresse der Australier hinweg, wie schade...
- festzuhalten: Jerusalem hat mir Angst gemacht, 1995 Anfang November, während des Konzertes nahe Schüsse, die Worte Pablo Casals' vor der UNO fallen mir ein -
Leidenschaft für Schweden empfinden (Wälder, Seen, Klarheit, soweit das Auge reicht, und: diese Art Gesellschaft ist heilsam) -
Freude und Erregung spüren -
(Rückfahrt von Karelien nach Helsinki, dichtes Schneetreiben... jetzt bitte einen Schutzengel!)
gern wiederkommen nach vielen Jahren -
sich einspielen in einem berühmten Dom weit nach Mitternacht, eine unbeschreibliche Stimmung -
Radiosendungen mitgestalten, Interviews geben (meist erfreuliche) -
in alten Noten wühlen -
selber aufgewühlt sein, kurzer Schlaf -
internationale Orgelnacht auf der noch sommerheißen Zürcher Bürgliterasse, stets sind Orgelnächte Ereignisse, Events -
Überlegung: Was sind wir eigentlich ? Willkommene oder geduldete Unterhalter, notwendige Seelsorger, Anwälte unserer Kunst?
über die eigenen Pressefotos schmunzeln, warum kann ich da nicht locker sein? -
milde Frauenblicke wahrend der Orgelführung genießen...
sich trösten lassen nach einem schlimmen Tag, aber auch Trost verschenken -
während des Spielens ein Blick ins umgebende Gebirge (Südkärnten: da glitzerte es so verlockend von einer Felsspalte her) -
Gänsehaut!, immer wieder neu -
Ende Juni, klare warme Nacht, über den Harz, allein auf der Straße nach einem Konzert im Stendaler Dom, im DLF kommt Sibelius’ erschütternder „Schwan von Tuonela“ -
Herzklopfen, Glücklichsein -
wie lange halte ich das gesund durch...? -
Deutschland und seine Politik... anderswo erklären müssen, eine zunehmend mühevolle Mission -
neue Konzertprogramme skizzieren -
angenehme Rezensionen in den Händen halten -
oh, die herrlichen Blumen, klar mögen wir Wein, eine Flasche guten Markgräfler allemal -
die Autobahn hundertekilometerweise unter sich einsammeln, Kopfschmerzen gratis -
Ankommen -
Abschiednehmen -
Unruhe, bisweilen der Gedanke "Still I haven't found what I'm looking for" -
im Winter telefonieren und dabei zu wissen, in welch vertrautem Zimmer der Apparat steht und wie der wunderbare Pfarrgarten vor dem dortigen Fenster erst im Frühling aussehen wird -
dankbar innehalten können (innehalten?, selten leider) -
Angst auch neu lernen müssen -
plötzlich an weltbekannten Gebäuden emporschauen-
zu einem unbekannten Stück überredet zu werden -
inspirierende Architektur vergleichen -
fesselnde Lektüre in einer Probenpause -
tief durchatmen in würziger Luft -
lächelnder Hinweis ins Ohr: ein schüchternes junges Mädchen wartet mit ihrer Mutter mit Autogrammwunsch auf der Seitenempore, hat seit kurzem Orgelunterricht -
jetzt hat mir, nach Jahren, ein Brief offenbart: in der großen, schönen Kirche meiner ersten Stelle in Westthüringen hörte gelegentlich still ein lieber Mensch beim Üben zu... und empfand mein profanes Training als Stärkung - danke, im Nachhinein, und im Namen der Musik, für dieses wundervolle Kompliment -
Vorspielen gleicht dem Vorlesen, beides ist archaisches Tun -
Erinnerungsfotos (in der Kathedrale von Buenos Aires 10 Minuten vor Beginn kein Mensch, sieben Minuten später brechend voll, das Konzert kann fast pünktlich beginnen, verblüffend) -
befreiend lachen, seltener geworden leider -
diese alte Dame in Bourges konnte so charmant übersetzen, ich habe sie immerzu angeschaut -
sich versenken können, auch das muß geübt werden -
sich vor Wut in die Arbeit stürzen -
die Zuhörer „packen“, begeistern zu können-
wunderbare historischen Orgelprospekte in Wort und Bild sammeln, eine Lust -
sich zu verlieben in ein einmaliges Stück Natur -
aus einem geöffneten Fenster dringen leise Klänge -
je nach Applaus Zugaben improvisieren -
den nächsten Lebensaufenthalt auf dieser Welt ausschließlich BACH widmen -
gehetzt von einem Termin zum anderen, noch findet man's schick... -
gedankenverloren: nein, du Entschuldigung!, habe nicht zugehört -
autogenes Training verlangen, genießen -
das lautlose norwegische wie auch das überschäumende mexikanische Auditorium, schöne Erfahrungen -
hier und da eine gelungene Einspielung von einem markanten Instrument und verehrten Kollegen im Heimfahrtgepäck -
Freude schenken den wenigen und den vielen Hörern -
nach dem Konzert in lustiger, auch nachdenklicher Runde -
Gleichgesinnte treffen -
schon wieder ein Moped durch die Aufnahme geknattert, verdammt, können die nicht mal nach zwei Uhr nachts Ruhe halten -
die laue Spätabendluft streicheln lassen am Hals, den Augenbrauen -
der deutsche Generalkonsul in Südafrika, er stammte doch tatsächlich aus dem mittleren Thüringen -
Sehnsucht, euphorische Selbstgespräche -
ein sanft-abfallendes Tal, hier jetzt eine Kapelle, drinnen natürlich eine wundersame winzige Orgel mit runden Flöten, durchsichtigen Streichern, spontan eine "Film-Musik" im Kopf...-
mein heimlicher Wunschzettel: Artist im Zirkus; trainiert für die schwindligmachenden Wirbel am Fangstuhl, Vertikalseil und Trapez wird schon...-
zu Hause anrufen, du, die mächtige Kastanie mit den morschen Sprossen gibt’s immer noch -
mit einem geborgten Fahrrad noch den zur Neige gehenden Sommerabend genießen -
ein kleines Fanpublikum zu wissen im Norden, Westen, im Süden und im Osten, überschaubar zwar, aber treu -
im nahen glasklaren See vor dem Aufstehen baden, schwimmen, tauchen, vor manchem wegtauchen -
dort hab’ ich mal ein bewegendes Konzert gespielt, zehn, fünfzehn Jahre mag’s her sein, weißt du noch?, danach gab’s im Schloßgarten Orgelsekt -
am Telefon ein aufgeregtes Stimmchen, Papa warum sitzt du immerzu an der Orgel? -
bald zu Hause von allen Erlebnissen zu schwärmen
(in Nagoya spielt man mittags im Kaufhaus auf der stolzen Konzert(Pfeifen)orgel das „Große Tor von Kiew“, ungewöhnlich, aber w i e man in Japan zuhört, ganz andächtig mit der Einkaufstasche in der Hand) -
oder eben auch zu klagen
(quälende Eisenbahnfahrt von der Bukowina nach Kiew im überheizten Wagon = 350km: 17einhalb Stunden! laut regulärem Fahrplan) -

endlich aber nach Hause kommen,
seiner Frau einen Kuß geben,
das Kind ganz nah auf dem Arm zu haben und riechen an seiner weichen Haut,
die liebgewohnten Stimmen hören,
nun Ruhe zu atmen,
schlafen im eigenen Bett,
einen knackigen Salat,
einen selbstgemachten Saft zu schmecken,
nur mal sitzen,
Fahrradtouren zu planen an der Saale, an der Unstrut, an der Ilm,
mal ohne Termin, mal ohne Blick zur Uhr, mal ohne Autoatlas,
ein provozierendes Schauspiel im Dt. Nationaltheater steht auf der Liste, ausgedehnte Wanderungen,
ergreifende Features im Radio,
sich darüber freuen zu können, morgens selbst das Frühstück zu komponieren,
gleich im Dumont nachschlagen, stimmt, die Apsis war frühes 12. Jahrhundert -
wie herrlich, gerade die romanischen Kirchen sollte man mit neuer Musik erfüllen -
sich wundern,
einen lichten Sonnabendvormittag fühlen,
wieder im Atlas die nächsten Routen abstecken,
die Spannung steigt, Frühling ist über Nacht gekommen, er ist da! -
"also - wir freuen uns auf Ihr Konzert"
(ach ja, die alte, halbgefüllte Glaskaraffe im Salon der Petersburger Philharmonie, da saßen schon Tschaikowski, Wagner, Strawinsky) -
anzurufen die Lieben in der Nähe, in der Ferne,
Freunde einladen,
Dia-Vorträge im abgedunkelten Raum,
wie der edle Tee duftet! -
schwarzer Anzug, weißes Hemd dürfen sich jetzt ausruhen -
Urlaubspläne entwerfen,
verwerfen,
weniger ist mehr, die Erkenntnis wird reifen -
leben -
nie ohne Musik, die ist tägliche Nahrung,
ohne sie ist man ein todkranker Mensch ...

All das ist wahrhaftig kein normales Leben, anstrengend, mag sein, ja auch -
aber nirgends Alltag -
es ist ein Riesengeschenk,
ein unermeßliches Glück dazu,
freilich auch Schritt für Schritt erarbeitet,
danke all denen, die mich dabei begleiten und ermutigen!

W. M.
 
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